Wie entwickelt sich eine begabungsfördernde Schule?

Begabungsförderung wird eine Säule der Schulentwicklung

 

»Meine sehr verehrten Damen und Herren. Ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit. Sie sehen jetzt das Stück ›Die kleinen Leute von Swabedoo‹ der Tanz- und Theaterfüchse. Wir wünschen Ihnen viel Spaß. Bitte schalten Sie jetzt Ihre Handys aus.« Die Drittklässlerin Büsra stellt sich souverän auf die Bühne und macht ihre Ankündigung zum Weihnachtstheaterstück. Sie hat am Tanz- und Theaterkurs der »Horner Füchse«, wie die Kurse zur Begabungsförderung an der Primarstufe der Gesamtschule Horn genannt werden, teilgenommen. Hier lernt sie zu improvisieren, sich darzustellen; hier kann sie ihre Ideen und ihr schauspielerisches Talent ausleben. Es scheint vielen abwegig, dass es auch in einem Stadtteil Kinder mit besonderen Begabungen geben soll, zu dem Sprüche fallen wie »Hirn und Horn – das passt nicht zusammen«. Auch die Ergebnisse der Vergleichsarbeiten in Horn zeigen im Verhältnis zum Hamburger Durchschnitt ein eher schlechtes Bild. Doch ist ein Kind nur dann, wenn es sich in klassischen Schulfächern wie Mathematik oder Deutsch durch überdurchschnittliche Leistungen auszeichnet, begabt? Auch wir erfahren im Schulalltag eine zunehmende Heterogenität der Lerngruppen. Was machen wir also mit Schülerinnen und Schülern, die sich positiv von der Gruppe abheben, über spezielle Potenziale verfügen oder tatsächlich als besonders begabt diagnostiziert werden?

 

Die Anfänge

 

Fördermaßnahmen an der Primarstufe der Gesamtschule Horn richteten sich lange eher an leistungsüberforderte Kinder. Doch im August 2005 hat sich die Schule dazu entschieden, an dem durch die BBS und die BbB ins Leben gerufenen Projekt »Schmetterlinge – Verbund begabungsentfaltender Grundschulen« teilzunehmen. Ein Umdenken hat stattgefunden: Wir haben es uns zum Ziel gemacht, die besonderen Stärken und Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler unserer Klassen zu betrachten und ihnen Möglichkeiten zur Entfaltung zu schaffen. Außerdem wollen wir die Ressourcen der Lehrer bewusster nutzen und fördern. Ihnen sollen Hilfestellungen zur Erkennung von Begabungen angeboten und  mögliche Wege aufgezeigt werden, um die gezielte Förderung zu bewältigen.

 

 

Horner Füchse

 

Zunächst wurden im Zuge dieses Projektes die »Horner Füchse« gegründet.

Die Fuchskurse (jahrgangsübergreifend von Klasse 2 bis 4, ca. zwölf Kinder) finden einmal wöchentlich einstündig im Anschluss an den Unterricht statt. Das Angebot richtet sich an Schülerinnen und Schüler mit besonderen Begabungen, hoher Leistungsbereitschaft sowie bisher unterforderte Schülerinnen und Schüler. Die Klassenlehrer der Klassen zwei bis vier sind angehalten, interessierte und leistungsbereite Schülerinnen und Schüler, die ihnen während des Vormittags positiv auffallen, für die einzelnen Kurse vorzuschlagen. Ziel ist, dass Lernen jahrgangsübergreifend, interessengeleitet und kreativ stattfindet und so auch die Lernmotivation steigt. Das Konzept wurde zu Beginn von zwei Kollegen entwickelt. Wir starteten im Jahr 2005 mit zunächst zwei Fuchskurse (Mathe-Werkstatt, Schülerzeitung). Im Laufe der Zeit begannen wir, die Interessen und Potenziale unserer Schülerinnen und Schüler genau zu beobachten und die Ressourcen unseres Kollegiums zu nutzen, um nach und nach weitere vier Kurse einzurichten (Tanz und Theater, Forscher, Musik, Kunst, s. Abb. 1).

 

Möglichkeiten zum Erkennen von Stärken entwickeln

 

Da den Kolleginnen und Kollegen die Diagnose von Stärken bei den Schülerinnen und Schülern zu Beginn noch schwer fiel, haben wir – teilweise unter Einbezug des gesamten Kollegiums – an speziellen Fortbildungen zu diesem Thema teilgenommen. Uns wurde bewusst, dass wir auch unseren Unterricht umstellen müssen, damit wir Möglichkeiten schaffen, um begabte Kinder überhaupt entdecken zu können. Wir entschlossen uns, Themenkisten zusammenzustellen, die vorbereitete Unterrichtseinheiten enthalten. Sie bieten vielfach offene Arbeitsmöglichkeiten und Raum für eigene Entdeckungen. Außerdem wurde für alle Klassenstufen Logico- Material zur Freiarbeit angeschafft. Während der individuellen Arbeit der Schülerinnen und Schüler können diese Stärken zeigen und der Lehrer oder die Lehrerin kann diese gezielt beobachten.

 

Etablierung der Begabungsförderung an der Schule

 

Die Umsetzung der Fuchskurse ohne zusätzliche Ressourcenbereitstellung bedurfte einer Umgestaltung der Stundentafel, damit klassen- und jahrgangsübergreifende Projekte realisiert werden konnten. Durch eine teilweise Neugestaltung des Unterrichts unter Einbezug von Maßnahmen zur Individualisierung und Förderung aller Schülerinnen und Schüler schaffen wir Möglichkeiten zur Entfaltung besonderer Begabungen und Fähigkeiten im Unterricht. Die Themenkisten zu Unterrichtseinheiten werden an vierwöchig stattfinden Nachmittagen im Kollegium entwickelt und können von allen Kollegen eingesetzt werden. Da wir in der Primarstufe ein relativ kleines Kollegium bilden, finden Absprachen meist während der Pausen oder spontan nach dem Unterricht statt. Aber auch die Treffen zur Entwicklung der Themenkisten nutzen wir für Absprachen. In der Schule ist eine Infowand eingerichtet, die unser Projekt und die Fuchskurse repräsentiert und vor allem auch die Elternschaft informiert. Die Schulleitung koordinierte und unterstützte von Anfang an die Bildung einer Gruppe (Projektleitung und Kursleiter), welche stetig das Förderangebot evaluiert und weiterentwickelt bzw. die entsprechenden Kurse leitet und ausstattet. Im Jahr 2006 wurden dann das Konzept zur Begabungsförderung und die Entwicklung von Themenkisten in die Ziel- und Leistungsvereinbarungen unserer Schule aufgenommen. Im Jahr 2007 hat unsere Schule das sogenannte Gütesiegel der Begabtenförderung der Beratungsstelle für besondere Begabung verliehen bekommen, was unsere Öffentlichkeitsarbeit und unsere Außenwirkung im Stadtteil sehr positiv beeinflusst. Darüber hinaus wurden Kontakte zur Sekundarstufe I geschaffen, um für die Schülerinnen und Schüler, die auch weiterführend an unserer Schule bleiben, eine Verzahnung zu schaffen. Mittlerweile wurden zwei Funktionsstellen (Koordination Begabungsentfaltung in der Primarstufe bzw. Sek. I) ausgeschrieben und erfolgreich besetzt.

 

Erfahrungen

 

Mit zunehmender Kursvielfalt können auch mehr Kinder an den Kursen teilnehmen. Auch wenn viele der ca. 180 Zweit- bis Viertklässler leistungsbereit sind und über besondere Potenziale verfügen, wollen wir uns darauf besinnen, dass die Kurse etwas Besonderes für Kinder mit speziellen Fähigkeiten darstellen und sie nicht wie Neigungskurse gehandelt werden. Vereinzelt treten Differenzen mit Eltern auf, die darauf bestehen, dass ihr Kind in einen Kurs aufgenommen wird. Wir behalten uns jedoch weiterhin vor, in einem Gespräch zwischen Klassenleitung und Kursleitung über die Teilnahme an einem Kurs zu entscheiden. Von den Kursleitern gibt es immer wieder enthusiastische Berichte über die angenehme und motivierte Atmosphäre in den Fuchskursen. Die Auswertung der letzten halbjährlich stattfindenden Evaluation hat ergeben, dass die Schülerinnen und Schüler ausnahmslos alle gern in ihre Fuchskurse gehen: Es macht ihnen Spaß, sie lernen etwas und es ist spannend für sie. Aus Sicht der Kolleginnen und Kollegen war die Kurswahl für die Schülerinnen und Schüler (fast) immer angemessen. Darüber hinaus gibt es auch positive Veränderungen im Regelunterricht wie z. B. ein größeres Lerninteresse und inhaltliche Anknüpfungspunkte an die Kurse. Durch die Nutzung der Themenkisten sind die Kolleginnen und Kollegen entlastet, und die Schülerinnen und Schüler profitieren vom gut ausgearbeiteten Freiarbeitsangebot. Durch all diese Maßnahmen zur Begabungsförderung konnten wir die Zufriedenheit der Schülerinnen und Schüler, der Eltern und der Lehrerinnen und Lehrer mit der pädagogischen Arbeit an unserer Schule steigern.

 

 

Maike Schumacher

 

Lehrerin und Koordinatorin für Begabungsförderung (stellv. Schulleitung)

 

 

Quelle: Heft, Hamburg macht Schule 1|2010, BSB Hamburg (Hrsg.).

 

Im Internet zum Download bereit unter: www.hamburg.de/hamburg-macht-schule